Gedenkstunde im Bundestag: Heute erinnert der Deutsche Bundestag an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt steht diesmal das Thema Euthanasie. Zuvor besuchten 80 Jugendliche im Rahmen der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein. Hier wurden tausende Menschen mit Behinderung von den Nationalsozialisten getötet. Wir sprachen mit zwei Jugendlichen, Hannah (18) und Franzi (19), über ihre Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte.

Hannah und Franzi, Ihr wart mit 80 Jugendlichen in der Gedenkstätte in Pirna-Sonnenstein. Was habt Ihr dort erfahren?

Hannah: Wir haben viel darüber erfahren, wie in der Zeit des Nationalsozialismus mit Menschen mit Behinderung umgegangen wurde. In den Jahren 1940/41 ermordeten die Nationalsozialisten in der Heil- und Pflegeanstalt rund 14.000 vorwiegend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen. Während unserer Jugendbegegnung haben wir uns den Ort des schrecklichen Verbrechens direkt angeschaut - die ehemaligen Gebäude gesehen, die für die Tötung benutzt wurden, die Gaskammer, den Leichenraum und das Krematorium. Wir haben viel über die Geschichte gelernt.

Was hat Euch während des Besuchs in der Gedenkstätte am meisten bewegt?

Franzi: Die Gedenkstätte befindet sich oberhalb von Pirna auf dem Sonnenstein. Die Stadt liegt etwas unterhalb. Es hat also jeder mitbekommen, und keiner hat etwas gemacht, keiner hat Widerstand geleistet. Das spricht eigentlich für die gesamte Zeit des Nationalsozialismus, dass sich die Bevölkerung zu großen Teilen leider nicht widersetzt hat. Man hat als Mensch auch eine Verantwortung, auch andere Menschen zu achten.

Hannah: Ich finde ganz wichtig, sich dann auch mit Biografien auseinander zu setzen und Geschichten zu hören von Leuten, die es getroffen hat. So wird klar, wie viele Menschen es betroffen hat und das aus Gründen, die wir überhaupt nicht mehr nachvollziehen können. Es ist bedrückend, von Kindern zu erfahren, die dort sterben mussten.

Ihr engagiert Euch auch aktiv gegen Antisemitismus in der Gedenkstätte in Dachau. Was macht Ihr dort genau?

Hannah: Ich mache ein freiwilliges soziales Jahr in einer Bildungseinrichtung. Wir besuchen dort mit Schülerinnen und Schülern die Gedenkstätte und versuchen, so einen Dialog zu starten – darüber, wie dies passieren konnte. Mir ist durch diese Arbeit klar geworden, wie wichtig und relevant es ist, sich mit der Geschichte genauer zu beschäftigen und daraus zu lernen.

Franzi: Ich mache das freiwillige soziale Jahr direkt in der Gedenkstätte in Dachau und meine Aufgabe besteht vor allem darin, Rundgänge zu organisieren und sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Warum findet Ihr es wichtig, sich heute noch intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, zum Beispiel bei der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag?

Franzi: Natürlich ist das ein Kapitel der deutschen Geschichte, das man am liebsten vergessen würde. Aber das ist genau der Punkt: Wenn man es vergisst, besteht die Gefahr, dass es wieder passiert. Sich daran zu erinnern ist wichtig, damit so etwas nie wieder geschieht.

Hannah: Gerade bei dem Thema Euthanasie war es so, dass es lange kein Thema war, und gerade deshalb finde ich es wichtig, aktiv ein Zeichen zu setzen und zu sagen, das wollen wir nicht vergessen.

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