In ihrer Rede im Deutschen Bundestag betont Dorothee Bär die Bedeutung der Raumfahrt für Innovation, Wirtschaft und internationale Zusammenarbeit. Deutschland und Europa sollen ihre Stärken gezielt ausbauen und Zukunftspotenziale weiter nutzen.
Sehr geehrte, liebe Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wir leben ja in einer Zeit des Umbruchs; aber wir leben Gott sei Dank auch in einer Zeit des Aufbruchs. Fast nirgendwo wird das deutlicher als in der Raumfahrt, und die Artemis-2-Mission war das beste Beispiel dafür.
Kurz bevor die Kapsel im Mondschatten verschwunden ist, kurz bevor die Kommunikation zur Erde unterbrochen wurde – und jetzt wird es leider ein bisschen pathetisch, aber das darf auch mal sein –, sagte Astronaut Victor Glover: „[…] we’re still going to feel your love from Earth. And to all of you down there on Earth and around Earth, we love you, from the Moon. We will see you on the other side.“
Ich finde das großartig; denn das zeigt noch mal diesen Gänsehautmoment, den auch ich verspürt habe, weil noch nie Menschen weiter von der Erde entfernt waren. Und dass wir in einem Zeitalter leben, in dem wir das miterleben dürfen, ist ganz, ganz großartig, wie ich finde.
Pathos ist das eine, aber das andere ist, dass der Weltraum längst auch zu einem großen Wirtschaftsraum geworden ist. Er ist zu einem Ort geworden, an dem wir auch unsere Sicherheit verteidigen. Unsere Zukunft wird eben auch im Weltall entschieden, und der internationale Wettlauf ist in ganz großem Gange. Wir werden ja immer gefragt: Warum macht ihr das eigentlich? Warum steckt ihr so viele Milliarden in die Raumfahrt? – Darauf kann man sagen: Wir wollen diesen Wettbewerb natürlich gewinnen. – China hat massiv aufgeholt, Nationen wie Indien sind mit am Start. Die Raumfahrt gewinnt enorm an Gewicht. Und deswegen ist es eben großartig, dass Artemis 2 so ein Riesenerfolg war für alle Beteiligten: für die NASA, für die Astronautencrew, für die internationalen Teams, aber auch für uns hier in Europa und in Deutschland. Wo stehen wir? Beim Raumschiff „Orion“ war ein wesentlicher Teil made in Germany, ganz viele Teile made in Europe, aber ganz viel made in Germany. Unser Servicemodul war essenziell für die Mission. Wofür war unser Servicemodul zuständig? Es war verantwortlich dafür, dass die Crew überhaupt atmen konnte, dass sie Wasser und Strom hatte und dass sich das Raumschiff überhaupt steuern ließ. Bei der Navigation im All vertraut die NASA auf einen Sternensensor. Wo kommt der her? Aus Jena! Da sind wir sogar Weltspitze. Das heißt, dank uns fliegt die NASA zum Mond. Natürlich gilt das auch umgekehrt: Dank der NASA fliegen wir zum Mond.
Diesmal war viel Technik von uns an Bord, auch neue Technik, die erprobt wurde – wir haben vorhin in der Regierungsbefragung auch schon kurz darüber gesprochen –, Tacheles zum Beispiel. Das ist ein ganz kleiner Forschungssatellit, kaum größer als ein Handgepäckkoffer, gebaut von einem deutschen Start-up, das gegründet wurde von einer Frau, die als Kind mit ihren Eltern aus Sri Lanka geflohen ist. Jetzt schreibt sie von Berlin aus Raumfahrtgeschichte, und ich finde es ganz sensationell, dass sich genau diese Geschichten alle in einer Rakete wiederfinden.
Die Start-up-Gründerin war sogar beim Start der Rakete in Cape Canaveral dabei. Ich durfte sie danach treffen und auch ihre Begeisterung spüren. Sie führt jetzt schon wieder weiter gehende Gespräche mit der NASA. Sie hat gesehen, wie ihr Satellit ins All geflogen ist – übrigens zusammen mit der ersten Frau auf Mondmission, der großartigen Christina Koch. Und auch daran zeigt sich, dass Artemis 2 auch ein weiblicher Erfolg ist.
Ich finde es so schön, wie leicht Sie sich da immer triggern lassen. Man muss einfach das Wort „Frau“ sagen, und schon eskaliert die AfD-Fraktion. Es ist wirklich sensationell.
Es mag schwer zu ertragen sein, aber Frauen gehören in der Raumfahrt dazu, bis hin zu den hervorragenden Astronautinnen, die wir auch in Europa und in Deutschland haben. Und sowieso gilt: Wir haben top ausgebildete Leute, die für die kommenden Missionen bereitstehen. Und wir haben auch die Zusage der NASA, dass bei den nächsten Mondflügen Europäer dabei sein werden. Zuallererst darf jemand aus Deutschland mit an Bord, und das ist eine ganz, ganz große Anerkennung.
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Frau Ministerin, erlauben Sie eine Zwischenfrage von Herrn Brandner aus der AfD-Fraktion?
Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt:
Bitte.
Stephan Brandner (AfD):
Vielen Dank, Frau Bär, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. – Ich will auf Ihre Unterstellung reagieren, es würde uns triggern, wenn Sie Frauen erwähnen, und dass es uns hier irgendwie auf die Palme bringen würde.
Ich habe mal ein Zitat von Markus Söder vom CSU-Parteitag im Januar mitgebracht. Er sagte wörtlich – ich zitiere mal –: „Und jetzt haben wir auch ein Ministerium, und die Doro ist unsere Space-Ministerin. Das freut mich ganz besonders. […] Keine Frage, wir erwarten uns nicht viel von dir; aber viel Geld nach Bayern, liebe Doro, das wäre schön.“ Zitat Ende. Meine Frage: Hat es Markus Söder getriggert, dass Sie eine Frau sind, oder warum geht er so despektierlich mit Ihnen um?
Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt:
Also, jetzt machen wir erst mal den Faktencheck: Der CSU-Parteitag war im Dezember. Da fängt es ja schon mal an. – Das ändert natürlich alles. – Und ansonsten ist Markus Söder, genauso wie ich, aus Franken, und wir haben vielleicht ein anderes Verständnis, wie man miteinander im Spaß umgehen kann. Dass Sie es nicht verstehen, Herr Brandner, dass sich ein Ministerpräsident freut, wenn mal der ein oder andere Euro in sein Bundesland kommt, wundert mich nicht. Ich kann Ihnen sagen: Das geht allen 15 anderen Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen genauso.
– Herr Brandner, das ist kein Zwiegespräch; ich bin jetzt dran. – Aber man sieht auf jeden Fall ganz deutlich, dass Sie von dem Thema keine Ahnung haben, da Sie jetzt Whataboutism hier in die Runde reinbringen. Schade. Setzen, sechs!
Also noch mal für alle Zuhörerinnen und Zuhörer: Wir haben die Zusage, dass der erste Europäer, der zum Mond fliegen darf, ein Deutscher sein wird. Das ist großartig; denn auch die Ausbildung war hervorragend. Wer von unseren Astronauten das sein wird, wird sich dann entscheiden, wenn es um die konkrete Mission gehen wird. Unser Land ist auf jeden Fall in der Raumfahrt vorne mit dabei. Wir spielen international in der obersten Liga. Das heißt, man kann sagen: Wir sind eine Raumfahrtnation. Und wir haben noch viel Potenzial. Ich darf noch mal auf unsere Raumfahrtindustrie und vor allem auch auf unsere vielen Start-ups mit großartigem Know-how verweisen. Wir haben Isar Aerospace, wir haben HyImpulse und die Rocket Factory Augsburg, um nur mal einige zu nennen, die Raketen bauen. Viele wollen es ja immer noch nicht glauben, dass es auch deutsche Unternehmen ins All schaffen; aber Hypersonica hat schon den Beweis geliefert.
Und wenn man jetzt auch noch sieht, was in der letzten Woche beim großen Space Symposium in Colorado Springs stattgefunden hat! Isar Aerospace kommt von dort zurück und sagt: Wir haben 50 Anfragen für Launches im Gepäck, 25 für den Bau von Spaceports. – Hy-Impulse aus Baden-Württemberg berichtet, dass sie als Start-up im September einen zweiten Flug planen. Und das wird ein kommerzieller sein; das heißt, sie haben auch Kunden, die ihnen ihre Fracht anvertrauen. Und bei Rocket Factory gibt es ebenfalls Interessenten, schon beim zweiten Launch Nutzlast mitzuschicken. Dabei steht der erste Start sogar erst noch aus; der ist für den Sommer geplant.
All das zeigt, dass da ganz, ganz viel Vertrauen da ist, aber natürlich auch ganz viel Wertschöpfung, die durch unsere deutsche Raumfahrtindustrie möglich ist, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Für uns ist die Raumfahrt auch ein strategisch relevantes Forschungsfeld. Das ist auch Teil der Hightech Agenda Deutschland. Wir stellen allein in unserem Ministerium knapp 7,5 Milliarden Euro in dieser Legislaturperiode dafür zur Verfügung. Ich möchte mich beim Verteidigungsministerium bedanken; denn es kommen auch erhebliche Mittel aus dem Verteidigungsressort. Und jetzt geht es wieder um das Wie, nämlich darum, wie wir das Geld einsetzen.
Und da sind wir beim Stichwort „New Space“, also einer neuen Art von Raumfahrt, die noch konsequenter auf die Privatwirtschaft setzt. So stärken wir die Raumfahrtindustrie bei uns am besten. Das ist nicht nur gut fürs Land, sondern das ist auch ganz wichtig und ganz entscheidend für unsere europäische Souveränität.
Wir haben im November bei der ESA-Ministerratskonferenz die Weichen dafür gestellt, auch in Richtung Kommerzialisierung. Wir verfolgen den System-of-Systems-Ansatz. Was bedeutet das konkret? Das bedeutet, dass wir einheitliche Standards haben wollen, damit alles zusammenpasst, was aus Europa kommt – egal aus welchem Land und egal von welchem Hersteller. Damit werden wir stärker, damit werden wir unabhängiger. Das ist der Weg, den wir beschreiten müssen, und so können wir eben auch – ganz wichtig – an der Raumfahrtgeschichte mitschreiben. Ich habe ganz zu Beginn Victor Glovers Worte zitiert, die er sagte, kurz bevor das Raumschiff hinter dem Mond verschwunden ist. Es gab danach 40 Minuten gar keinen Kontakt zur Erde. Das soll in Zukunft anders sein. Und wer arbeitet daran, dass das in Zukunft anders ist? Ein Team an der TU Dresden beispielsweise arbeitet schon jetzt gezielt daran. Und am Ende kann dann so etwas herauskommen wie ein Verkehrsleitsystem, nur eben für den Mond. Und deswegen an die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, stellvertretend für alle, die in diesem Bereich arbeiten: Ganz liebe Grüße nach Dresden!
Denn so legt die Forschung von heute die Basis für die Raumfahrt von morgen. Und genau so muss es sein. Heute in der Regierungsbefragung haben wir, als es darum ging, wo im Haushalt Geld eingesetzt werden soll, mehrfach auch die Frage gehört: Wo sollen die Prioritäten gesetzt werden? – Und es ist von der einen oder anderen Seite versucht worden, Prioritäten oder auch Themenfelder gegeneinander auszuspielen. Das wollen wir nicht.
Wir haben mit unserer Hightech Agenda Deutschland, mit unseren Schlüsseltechnologien, aber auch mit unseren strategischen Forschungsfeldern Schwerpunkte gesetzt – der Haushalt an sich ist ja immer auch ein Schwerpunkt –, und ich glaube, die Raumfahrt ist hier besonders wichtig.
Abschließend möchte ich betonen, dass wir durch die Raumfahrt in der Wissenschaft auch ganz neue Wertekooperationen eingehen können, dass wir noch näher an Ländern wie Australien, Neuseeland, Kanada oder Japan dran sind und ganz eng mit der ESA und der JAXA zusammenarbeiten. Und das macht es eben aus. Raumfahrt verbindet, aber Raumfahrt macht uns auch stabiler, macht uns souveräner und, so hoffe ich natürlich, langfristig wirtschaftlich auch wieder so stark, wie es unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ihrer großartigen Arbeit verdient haben.
Ganz, ganz herzlichen Dank.