Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht die CSU-Landesgruppenvorsitzende, Gerda Hasselfeldt, über ihre Karriere, Frauen in der Politik und ihre politische Heimat, die CSU.

Frau Hasselfeldt, als wir uns Ihre Biografie angesehen haben, fiel uns spontan ein: Gerda Hasselfeldt ist wie eine Alt-68erin, nur konservativ. Sind Sie einverstanden?

Ich weiß gar nicht, was Sie mit konservativer Alt-68erin meinen?

Sie sind schon als junge Frau in die Politik eingestiegen, Sie haben mit traditionellen Rollenmustern gebrochen. Das muss doch damals in Niederbayern, wo Sie aufgewachsen sind, einigermaßen skeptisch aufgenommen worden sein? Waren Sie eine Rebellin?

Nein, ich war keine Rebellin. Ich habe mich nur schon sehr früh politisch interessiert. Und das war in der damaligen Zeit für ein Mädchen aus dem Bayerischen Wald, aus einem Dorf, nicht selbstverständlich. Aber das lag mit Sicherheit an meiner familiären Situation. Mein Vater war viele Jahre lang Bürgermeister, Landtags- und Bundestagsabgeordneter in der CSU.

Wie haben damals Ihre Freundinnen und Freunde reagiert? Allzu viele Frauen gab es Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre nicht in der Männerwelt der CSU.

Das hat die nicht weiter verwundert. Die kannten mich ja. Ich habe sogar einige von ihnen sozusagen „infiziert“ und für Politik begeistert. Ich war auf einem Mädchengymnasium und dort Schulsprecherin. Wir haben, als wir ungefähr 16 waren, einen politischen Arbeitskreis gegründet – unter meiner Führung. Mir war einfach der Sozialkundeunterricht zu langweilig. Da haben die interessierten Mädchen aus mehreren Klassen mit Politikern aus der Region diskutiert. Jungs waren nicht dabei. Unterschätzen Sie nicht die Mädchen aus dem Bayerischen Wald. Wir waren damals vielleicht noch nicht in den Parteien, aber wir waren sehr interessiert.

Später haben Sie erfolgreich für den Bundestag kandidiert und sind unter der Woche in Bonn gewesen, während sich Ihr damaliger Mann um die Kinder gekümmert hat. Kam Ihnen das ungewöhnlich vor oder war es für Sie normal, diesen Weg zu gehen?

Für mich war das normal, für meine Umgebung eher nicht. Aber mein erster Mann hat das gerne mitgemacht. Er war Lehrer und hatte auch kein Problem damit, im Haushalt mitzuhelfen. Gekocht hat er sowieso besser als ich, was dazu führte, dass jeder das machte, was er konnte. Ich habe gebügelt und gesaugt, er hat gekocht.

Waren Sie eine Trendsetterin in der CSU?

Ich habe einfach mein Leben so geführt, wie ich es für richtig hielt. Ich habe immer gerne gearbeitet, wollte studieren und mich politisch engagieren. Kinder wollte ich aber auch. Es hat sich einfach so ergeben. Ich habe das alles nicht aus Protest gemacht. Im Gasthaus meiner Eltern habe ich schon früh politisch mitdiskutiert und habe keine Vorbehalte gespürt, weil ich eine junge Frau war.

Sie haben eine steile Karriere in der CSU gemacht. Sie sind die erste Landesgruppen-Chefin in der Geschichte der Partei. Sie waren auch die erste CSU-Bundesministerin. Weil Sie eine Frau waren, oder obwohl?

Als Landesgruppenchefin hat das überhaupt keine Rolle gespielt. Aber damals im Kabinett Kohl schon eher, da braucht man sich nichts vorzumachen. Ich habe das aber auch nicht hinterfragt. Das ging ja alles so schnell. Das Kabinett musste umgebildet war. Das Wohnungsproblem war damals besonders akut. Ich war gerade zwei Jahre im Parlament, wurde Bauministerin und habe mich ganz schnell in die Arbeit gestürzt.

Sie waren damals gerade 38 Jahre alt.

Schon ein bisschen ungewöhnlich. Aber Helmut Kohl und Theo Waigel haben mir damals gesagt: Wir trauen Dir das zu. Und ich war ja auch ziemlich erfolgreich als Bauministerin. Ich habe Kohl damals gefragt, wie er ausgerechnet auf mich gekommen sei. Er sagte, er habe mich reden gehört, das sei solide gewesen. Ich habe mir aber darauf nichts eingebildet, sondern mich an die Arbeit gemacht.

Dabei hat ausgerechnet Ihr Vater, der selber lange Jahre für die CSU Abgeordneter war, einmal gesagt: Frauen in der Politik sind ein Krampfadergeschwader. Hat er es Ihnen nachgetragen, dass Sie in die Politik gegangen sind?

Nein, das hat er nicht. Es ist richtig, dass er von Frauen in der Politik nicht übermäßig viel gehalten hat. Aber er hat mein Interesse an der Politik mit großer Sympathie zur Kenntnis genommen. Er hat sich gefreut darüber. Wir sind gemeinsam zu Parteiversammlungen gefahren, haben viel diskutiert. Es war vielleicht nicht Stolz, aber Freude darüber, dass eines seiner sechs Kinder, und noch dazu ein Mädchen, sich für seine Arbeit interessiert.

Hat er Sie denn unterstützt?

Am Anfang hat er meine Arbeit mit einer gewissen Distanz begleitet. Dann kam aber Anerkennung hinzu. Ich glaube, seine Bewertung von Frauen in der Politik hat sich stark verändert.

Hat er noch einmal vom Krampfadergeschwader gesprochen?

Nie mehr. Man muss auch sehen, in welcher Zeit mein Vater aufgewachsen ist. Er war Jahrgang 1921, und wir waren fünf Mädchen in der Familie. Er wollte aber unbedingt einen Sohn, und das ist dann erst beim sechsten Kind gelungen.

In ein paar Wochen wird ein neuer Bundestag gewählt, und nahezu alle Parteien haben weniger Frauen auf ihren Listen als vor vier Jahren. Wie erklären Sie sich das?

Die meisten Mandate der CSU werden über die Direktwahl gewonnen. Das bringt große Bodenhaftung und Nähe zu den Menschen zum Ausdruck, lässt sich aber nicht steuern – im Gegensatz zu anderen Parteien, die die Mandate über die Liste bekommen. Man kann schließlich keinem Wahlkreis vorschreiben, wer nominiert werden soll. Außerdem überlegen viele Frauen, ob sie die politische Tätigkeit mit vielen Abend- und Wochenendterminen neben der Familie und ihrer Berufstätigkeit ausüben können und wollen.

Es liegt also auch an den Frauen?

Nicht nur. Manche Kreisverbände in meiner Partei sind schon immer noch von Männern dominiert. Das macht es nicht einfacher für Frauen, die für ein Direktmandat kandidieren. In meinem Wahlkreis kandidiert eine Frau als meine Nachfolgerin. Sie hat sich gegen männliche Mitbewerber durchgesetzt. Das stählt.

In der CSU-Landesgruppe in Berlin sitzen 15 Frauen und 41 Männer. Warum gibt es das Missverhältnis auch heute noch?

Die Direktmandate sind der eine Grund. Ein anderer Grund ist: Manche Frauen wollen es sich einfach nicht antun, unter der Woche nicht bei der Familie sein zu können. Und dass Politik eine Partnerschaft belastet, das ist unbestritten. Quantität ist im Übrigen nicht alles. In der CSU haben Frauen überproportional viel politischen Einfluss, zum Beispiel parlamentarische Staatsekretärin, Ausschussvorsitzende, oder auch die Landtagspräsidentin und Staatsministerinnen.

Verhindert die Männerphalanx in der CSU den Aufstieg der Frauen?

Verhindert wird da nichts. Sonst würde ich ja nicht hier sitzen. Ich bin ja nicht an diese Stelle gekommen, weil man da eine Frau suchte. Wirklich nicht.

Es gab auch mehrere Männer, die laut „Hier“ gerufen haben, als der Posten 2011 zu vergeben war.

Das war in der Tat so. Nachdem ich aber der Bitte vieler Kolleginnen und Kollegen und des Parteivorsitzenden nachgekommen bin, hat sich keiner mehr zur Wahl gestellt. Ich habe zwei Wochen lang Nein gesagt, weil ich eigentlich mit dem Amt der Bundestagsvizepräsidentin ganz zufrieden war.

Hatten Sie Angst, eine Entscheidung zu treffen?

Ängstlich war ich nie. Allerdings habe ich auch nicht nach immer neuen, immer wichtigeren Posten gestrebt. Ich wollte immer das, was ich mache, gut machen. Ich jedenfalls überlege mir immer: Kann ich das? Kann ich die Erwartungen erfüllen? Gibt es vielleicht jemanden, der es besser kann? Ich beobachte, dass sich viele Frauen eher kritisch hinterfragen.

Was raten Sie jungen Frauen, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen? Sie haben ja Erfahrung damit – in einer Zeit, als das noch gar nicht üblich war.

Jede Frau muss zunächst wissen, was sie wirklich will. Es ist ja nicht so, dass jede Frau mit einem Leben, wie ich es geführt habe, glücklich wäre. Das muss jede für sich selbst entscheiden und gemeinsam mit dem Partner. Ohne Partner jedenfalls, da bin ich mir sicher, funktioniert es nicht. Ich sehe das bei meiner Tochter. Sie arbeitet mit großer Freude, hat ihre Arbeitszeit ein bisschen reduziert und bekommt jetzt das dritte Kind. Und ihr Partner hat auch die Arbeitszeit ein bisschen reduziert, und irgendwie schaffen sie es – mit viel Organisation und gutem Willen und Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die heute viel besser sind als zu meinen Zeiten. Generell würde ich jungen Frauen aus meiner Erfahrung raten, nehmt berufliche Niederlagen nicht persönlich, sondern sportlich und seid mutig.

Würden Sie Ihren Lebensentwurf wiederholen, wenn das möglich wäre?

Aber natürlich. Ich war zufrieden, mein Mann war zufrieden. Und den Kindern ging es auch gut.

Haben Sie damals mehr unter der Trennung von den Kindern gelitten als Ihre Kinder?

Es hat immer wieder Situationen gegeben, in denen ich mich gefragt habe: Machst Du das jetzt richtig? Vor allem am Anfang. Ich wollte unbedingt meine Arbeit als Bundestagsabgeordnete in Bonn aufnehmen. Aber wenn man am Montagmorgen von zu Hause wegfährt und die Kleine zum Kindergarten bringt und weiß, dass man erst am Freitag wieder da sein wird, dann ist das emotional schon eine Belastung. Da sind bei mir, nicht bei meiner Tochter, schon manche Tränen geflossen, wenn ich mit dem Auto auf dem Weg zum Flughafen in München war. Und als das Routine war, wurde ich Ministerin, musste mich in meinem neuen Wahlkreis Fürstenfeldbruck erst bekannt machen, um bei der Wahl 1990 als Direktkandidatin aufgestellt zu werden. Die Familie war zu der Zeit noch in Niederbayern, und die Wiedervereinigung kam auch noch dazu. Wie ich das alles unter einen Hut gebracht habe, das frage ich mich heute noch manchmal.

Sie haben Ihre Karriere in der alten Bundesrepublik begonnen. Was hat sich verändert mit dem Umzug von Regierung und Parlament nach Berlin?

In der Politik hat sich sehr vieles verändert, wobei das sicher nicht nur an Bonn und Berlin liegt. Auch die Zeiten haben sich verändert. In Bonn war es ruhiger.

Würden Sie sagen, es war gemütlicher?

Aus heutiger Sicht, ja. Es war überschaubarer, kleiner, die Wege waren viel kürzer, und man kannte sich. Bonn war ein großes Dorf. Hier in Berlin war alles viel unübersichtlicher, die Stadt ist schneller und hektischer, und man musste sich an die neuen Räumlichkeiten und Entfernungen gewöhnen. Auch das politische Arbeiten ist viel hektischer geworden. Das hängt auch mit den Veränderungen in den Medien und besonders auch mit den sozialen Medien zusammen.

Um den Hauptstadtumzug wurde damals hart gerungen, es gab in allen Parteien ebenso heftige Befürworter wie Gegner.

Ich selbst habe damals für Bonn gestimmt, eine Entscheidung, die ich sehr bald bereut habe. Und ich war sehr froh, dass die Mehrheit eine andere war.

Warum waren Sie denn für Bonn, weil Sie es so gemütlich lieben?

Nein, nein! Ich hatte mir das sehr gründlich überlegt. Ich war vorher Bauministerin und hatte schlicht die Befürchtung, dass Bonn verödet. Es waren also eher raumordnungspolitische Gründe. Ich hatte nicht geglaubt, dass durch die Ansiedlung einiger Unternehmen, aber vor allem der UN-Organisationen sich etwas Neues entwickeln könnte. Während Berlin doch den Regierungssitz gar nicht brauchte und auch so eine zentrale Rolle spielen würde.

Hatten Sie auch staatspolitische Bedenken? Es gab ja große Befürchtungen, dass Berlin wieder eine zu mächtige Hauptstadt in einem zu mächtigen Land in Europas Mitte werden könnte. Oder war es doch eher Pragmatismus?

Ja, das war es. Aber es war auch wichtig für mich, dass Bonn keine mächtige Zentrale war, sondern der Föderalismus sehr stark ausgeprägt war. Meine Befürchtung war, dass der Föderalismus zu kurz kommt. Das gerade für uns in Bayern natürlich sehr wichtig.

In der Realität kam aber alles ganz anders?

Ja, zum einen hat sich Bonn sehr gut entwickelt. Und Berlin ist das Symbol der Deutschen Einheit, ohne dass der Föderalismus aufgegeben wurde. Im Gegenteil. Diese Stadt mit dem Regierungssitz wird von den Menschen in ganz Deutschland als Hort der Demokratie empfunden – denken Sie nur an die vielen Schulklassen, die jedes Jahr hierher kommen. Hier wird Demokratie auch direkt erlebt.

Sie würden heute also sagen, der Beschluss war richtig?

Absolut, auch international und historisch gesehen. In Berlin erlebt man an jeder Ecke Geschichte. Hier kann sie hautnah erlebt werden, von Deutschen wie von Ausländern.

Nun ist es aber ja so, dass jedes Jahr über 33.000 Dienstreisen nötig sind, weil sich Deutschland de facto immer noch zwei Regierungssitze leistet. Ist das noch zeitgemäß?

Diese Diskussion wird immer wieder geführt, aber man darf dabei nicht nur die Kosten sehen. Mittlerweile sind fast alle Ministerien hier zumindest mit stärkeren Belegschaften vertreten, und Berlin wurde sukzessive gestärkt. Man muss das in einer Demokratie behutsam mit den Betroffenen diskutieren, mit der Stadt, den Ministerien, der Landesregierung und nicht über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Heute ist ja auch sehr viel über Telefon- und Videokonferenzen möglich, nicht für alles ist eine Dienstreise nötig.

Trotzdem ist es eine Tatsache, dass das sehr viel Geld kostet und nicht sehr effizient ist.

Das stimmt, und man muss die Diskussion immer wieder führen. Aber ich werbe auch um Verständnis für die, die in Bonn arbeiten und dort bleiben wollen.

Verstehen wir Sie richtig: Glauben Sie, dass sich die Angelegenheit mit der Zeit von selbst erledigt? Oder brauchen wir nicht doch ein zweites Hauptstadtgesetz, um diese Debatte endlich zu beenden?

Das eine schließt das andere nicht aus. Ich kann mir vorstellen, dass man nach einer gewissen Zeit auch nochmal über eine neue gesetzliche Grundlage nachdenkt. Aber das muss nicht übers Knie gebrochen werden.

Der Hauptstadtbeschluss liegt jetzt mehr als 25 Jahre zurück, brauchen wir nochmal genauso lange?

Der Umzug hat ja erst 1999 begonnen…

 … aber auch das sind schon 18 Jahre…

Ehrlich gesagt, kann ich keinen Zeitraum nennen. Ich kann nur für die Abgeordneten sprechen, wir haben hier sehr gute Arbeitsbedingungen. Auch die, die damals dagegen gestimmt haben, sagen heute, das war richtig so.

Ist das auch bei Ihnen in der CSU-Landesgruppe heute mehrheitsfähig? Gerade in der CSU war der Widerstand ja damals groß.

Ja.

Haben Sie jemals damit geliebäugelt, in eine andere Partei zu gehen? Ihr eher ausgleichender, pragmatischer Stil ist in einer so männerdominierten Partei wie der CSU nicht unumstritten.

Nein, nie. Die CSU ist meine politische Heimat. Außerdem gibt es in der CSU auch ausgleichende, diplomatische und pragmatische Männer. Ich bin da also in guter Gesellschaft und hochzufrieden. Das gilt auch für den Umgang mit Frauen.

Wirklich?

Ja, ich habe mich nie, wirklich nie, benachteiligt gefühlt.

Und das in der Partei von Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber und Horst Seehofer!

Wenn man seine Arbeit in der Partei gut macht, wird man auch ernst genommen. Ich bin keine, die mit Ellbogen gearbeitet hat nach dem Motto: Ich möchte jetzt etwas werden. Ich konnte lange auf lokalpolitischer Ebene kein Amt anstreben, weil mein Vater Bürgermeister war und auch im Kreistag saß, das war nicht zulässig. Aber das war halt so. Es hat mir trotzdem viel Freude gemacht. Ich war auch nicht von Anfang an erpicht auf ein Parlamentsmandat. Das hat sich dann ergeben, als ich gemerkt habe, Mensch, was die da machen, das kann ich auch.

Also doch.

Ich wollte nicht mehr nur mitreden, sondern auch mitgestalten und etwas zu sagen haben bei Entscheidungen. Aber ansonsten habe ich ganz normal meine Arbeit gemacht und wurde auch ganz normal behandelt. Ich wüsste nicht, warum ich diese Partei hätte verlassen sollen. Und wenn ich mir so anschaue, wie es in anderen Parteien zugeht, sehe ich nicht, dass es da besser wäre.

Was ist der Reiz von Politik für Sie?

Nah bei den Bürgerinnen und Bürgern zu sein und gestalten zu können. Das Interessante ist auch, mit wie vielen unterschiedlichen Menschen man es zu tun hat. Das ist gerade in der CSU besonders ausgeprägt, weil wir so eine breite Volkspartei sind. Wir haben alle Berufsgruppen und alle Altersgruppen. Trotzdem wollen wir schon eine starke Führungsfigur, die die Richtung vorgibt. Aber sie darf nicht alles dominieren.

An denen hat es in der CSU nicht gerade gemangelt.

Ach, wissen Sie, von außen gesehen, denkt man immer, die CSU, das ist so eine reine Männerpartei, da haben die Frauen nichts zu sagen. Diese Erfahrung habe ich persönlich nicht gemacht, mir hat die Partei immer Chancen gegeben.

Wie es der Zufall will, kommen wir beide auch aus Bayern. In unserer Kindheit und Jugend hatten wir doch den Eindruck, dass es in der CSU nur alte Männer gibt.

An meinem Beispiel merken Sie, dass man es auch anders sehen kann, aber in gewisser Weise war ich schon eine Exotin. Ich wurde eine der ersten weiblichen Kreisvorsitzenden in der CSU. Als ich damals kandidiert habe, trat auch ein männlicher Kandidat an, und es hieß damals, die Partei sei noch nicht so weit. Als ich dann gewählt war, war das gar kein Thema mehr.

Es hat dennoch Zeiten gegeben, wo Sie es nicht sehr leicht hatten mit der Partei – zuletzt im Herbst 2015, als Hunderttausende von Flüchtlingen nach Deutschland kamen. Man hat Ihnen auch in den eigenen Reihen vorgeworfen, dass Sie sich zu gut mit der Kanzlerin verstehen, nicht nur persönlich, sondern auch politisch.

Das war eine harte Zeit, ich will das gar nicht schönreden.

Es ging gerade in der Flüchtlingsfrage um ein sehr großes und komplexes Thema, eine der größten Herausforderungen, vor denen das Land stand und immer noch steht. Darüber musste man sich doch auseinandersetzen.

Die Diskussion wurde auch deshalb bei uns so heftig geführt, weil Bayern besonders betroffen war, weil alle Flüchtlinge über Bayern kamen, weil die Turnhallen in Bayern beschlagnahmt wurden, die Leute in Bayern zuerst versorgt und registriert werden mussten. Die Frage „Schaffen wir das“ oder überfordern wir die Menschen, stellte sich in Bayern ganz besonders deutlich. Das war mir bewusst. Mir war aber auch klar, dass wir das nur mit Konfrontation auch nicht schultern. Das war eine sehr schwierige Gratwanderung. In manchen Bereichen wurde sie auch persönlich.

Hat das Sie und Horst Seehofer dauerhaft entzweit?

Nein, aber es war so manches Gespräch notwendig.

Sehr diplomatisch ausgedrückt.

Ich hatte damals so einige schlaflose Nächte, denn ich wusste auch, ich muss den Laden zusammenhalten, die Landesgruppe zusammenhalten, die bayerischen Interessen hier in Berlin vertreten. Andererseits durfte die gemeinsame Fraktion mit der CDU nicht auseinanderfallen, auch da waren viele Gespräche notwendig. Heute kann ich sagen, dass ich meinen Teil dazu beigetragen habe, dass CSU und CDU jetzt so gut dastehen.

Auch, weil der Begriff Obergrenze abgeräumt wurde, besser gesagt, Sie ihn abgeräumt haben?

Die Obergrenze steht aus gutem Grund bei uns im Bayernplan. Wir halten an der Begrenzung fest, denn nur so kann Integration gelingen. Diesem Ziel dienen auch die von CSU und CDU gemeinsam beschlossenen Maßnahmen.

Hat Sie das in dem Beschluss bestärkt, es nach dieser Legislaturperiode mit der Politik gut sein zu lassen?

Nein, das hat damit überhaupt nichts zu tun. Für mich war schon zu Beginn der Legislaturperiode klar, dass es meine letzte sein wird.

Das heißt, Sie hatten die Entscheidung bereits getroffen?

Ja, das hatte ich. Für mich war es wichtig, nicht den Zeitpunkt zu verpassen, an dem man noch gehen kann. Und sich auf das andere Leben noch freuen kann. Es wird nicht einfacher auszuscheiden, je älter man wird. Das habe ich oft erlebt. Ich bin jetzt 67, und da muss ich mich nicht genieren, wenn ich in den Ruhestand gehe. Mein Mann ist neun Jahre älter als ich, der freut sich auch darauf, und wir haben viele Enkel, für die wir dann gemeinsam Zeit haben.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie? Das eine ist, sich auf das andere Leben zu freuen, darauf, dass man mehr Zeit hat für die Familie etc. Aber Sie lassen auch etwas zurück, was Sie jahrzehntelang mit Leidenschaft betrieben haben.

Ich habe nur das Gefühl der Dankbarkeit! Ich habe mir damals vor 30 Jahren nicht vorstellen können, dass ich so lange im Bundestag bleiben würde und dass es mir so viel Freude machen würde. Ich durfte in dieser Zeit so viele spannende Aufgaben betreuen, bin so vielen interessanten Menschen begegnet. Ich sehe das als eine große Bereicherung meines Lebens. Und wissen Sie, es geht am Ende nie um einen selbst, sondern um die Aufgabe, das hat mir mein Vater schon immer gesagt.

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