Reden

Paul Lehrieder
Bild vergrößern Download 300dpi
Donnerstag, 4. März 2010
Arbeit und Soziales

Wir können keine Mindestlöhne nach dem Familienstand einführen

Rede zur Abgabenhöhe bei Geringverdienern
8.) Beratung Antrag BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Mehr Netto für Geringverdienende
- Drs 17/896 -
Sehr geehrte Frau Präsidentin!
Liebe Kolleginnen! Liebe Kollegen!
 
Mir geht es ähnlich wie dem Kollegen Kolb. In unserer christlich-liberalen Koalition passt ers­tens zwischen die Partner kein Blatt Papier. Zweitens denken wir in vielen Bereichen ähnlich.
 
Ich habe mir den Antrag voller Vorfreude durchgele­sen. Der Titel „Mehr Netto für Geringverdienende“ ist ja nicht schlecht. Unser bayerischer Finanzminister hat vor anderthalb Jahren gefordert: mehr Netto vom Brutto. Es hat uns auch keiner geglaubt, dass wir das ernsthaft an­streben. Wir streben es heute noch an. Mehr Netto für Geringverdienende klingt ja nun einmal nicht schlecht. Auch der Einleitungssatz „Arbeit und Leistung sollen sich lohnen“ ist konsensfähig. Ich will jetzt nicht alles wiederholen, was der Kollege ausgeführt hat.
 
In einem anderen Punkt geht es mir allerdings ebenso wie ihm. Ich habe mir die Augen ausgeschaut; ich habe verschiedene Brillen aufgesetzt. Ich habe nirgends einen Finanzierungsvorschlag in diesem Antrag entdecken können. Vielleicht liefern Sie uns den nach, Frau Kolle­gin Pothmer. Dann können wir uns Gedanken über die Kosten dieses Vorschlags machen.
 
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Wenn wir die 9 Milliarden nehmen, die wir für Aufstocker brauchen, haben wir das schon dreimal finanziert!)
 
Ihr Progressivmodell klingt gut. Natürlich kann man sagen, wir entlasten im unteren Einkommensbereich, also die Geringverdiener – da haben wir im Übrigen mehr gemacht als die rot-grüne Koalition seinerzeit; aber darauf komme ich nachher noch zu sprechen –, aber dann müssen Sie auch sagen, wie Sie es finanzieren wol­len. Durch Bundeszuschüsse? – Das wäre systemwidrig.
 
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Durch Einsparungen bei den Aufsto­ckern!)
 
 – Dazu, ob sich das durch Einsparungen bei den Aufsto­ckern finanzieren lässt, findet sich überhaupt nichts in Ihrem Antrag. – Wollen Sie es etwa durch Erhöhung der Lohnzusatzkosten im oberen Bereich finanzieren, das heißt also, dass wir qualifizierte Arbeit verteuern? – Das hoffe ich nicht.
 
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Nein!)
 
– Darüber müssen wir aber reden, Frau Pothmer.
 
Ich finde ja die Idee grundsätzlich nicht a priori schlecht und möchte sie nicht sofort und ohne Hinterge­danken zurückweisen.
 
(Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Machen Sie doch aus Ihrem Herzen keine Mördergrube! Ich weiß doch, dass Sie das gut finden!)
 
– Stellen Sie mir doch eine Frage, Frau Pothmer, statt nur dazwischenzurufen. Dann hätte ich auch Zeit für eine Antwort.
 
Meine Damen und Herren, der Antrag klingt ja nicht schlecht; aber er ist so, wie er vorliegt, absolut nicht be­handelbar und nicht zustimmungsfähig. Wir werden ihn auf jeden Fall ablehnen. Das Ganze könnte zwar zu ei­nem interessanten Debattenbeitrag werden, aber nicht in dieser unausgereiften Form. Künftig sollten Sie keinen Schnellschuss aus der Hüfte mehr machen, liebe Frau Kollegin.
 
Wer hat denn nun die Sozialversicherungsbeiträge in den letzten Jahren gesenkt? Das war nicht Rot-Grün. Auch das muss für die Zuschauer auf der Tribüne und die Fernsehzuschauer hier einmal ausdrücklich gesagt werden. 1998 lag der Sozialversicherungsanteil immer­hin bei 42,1 Prozent, heute liegt er bei sage und schreibe 38,65 Prozent. Das heißt, Sie schmücken sich mit frem­den Federn. Wir – ich räume ein, dass die Kolleginnen und Kollegen von der SPD auch ein bisschen dazu bei­getragen haben – haben die Sozialversicherungsbeiträge senken können. Und das ist gut so, meine Damen und Herren.
 
Wir haben den Eingangssteuersatz vor einem guten Jahr von 15 auf 14 Prozent gesenkt. Dazu kann man sa­gen, dass man mehr erwartet hätte. Wir prüfen nach Vor­liegen der Steuerschätzung, ob hier noch mehr Steuer­entlastung möglich ist. Zur Entlastung gehört aber auch die Erhöhung des Kinderfreibetrages, den wir Anfang des Jahres immerhin von 6 000 auf 7 008 Euro erhöhen konnten. Wir prüfen auch, ob darüber hinaus im Sozial­versicherungsbereich Entlastungen möglich sind.
 
Meine Damen und Herren, der Antrag lässt nicht er­kennen, wie man dem Nettofinanzierungsbedarf von 6,5 Milliarden Euro gerecht werden will. Das Bundes­verfassungsgericht hat uns bestätigt, dass der Gesetzge­ber bei Einführung der SGB-II-Regeln 2004 und 2005 zur Sicherung eines „menschenwürdigen Existenzmini­mums“ feste Regelsätze schaffen durfte. Wenn Sie jetzt, Frau Pothmer, ähnlich wie die Linke pauschal, Pi mal Daumen, einen Regelsatz von 420 Euro verlangen, dann verstoßen Sie doch, genauso wie die Linken, gegen das, was uns das Verfassungsgericht aufgegeben hat.
 
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP – Dr. Valerie Wilms [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Das ist doch berechnet!)
 
Schauen Sie sich doch einmal das Urteil an, Frau Krellmann. Ich habe letzte Woche Ihrem Kollegen Ernst gesagt, er solle das Urteil einmal lesen. Entweder hat er es nicht gelesen oder er hat es nicht verstanden. Bei Ih­nen muss ich dasselbe vermuten. Schauen Sie sich das Urteil einmal an. Da steht, man muss ermitteln, weshalb welche Bedarfe erforderlich sind. Lassen Sie uns in den nächsten Wochen und Monaten im Ausschuss konstruk­tiv darauf hinarbeiten, wie man das zusammen machen kann, Frau Pothmer. Von daher ist eine Pauschale von 420 Euro leider ebenfalls nicht konsensual.
 
Zu den Mindestlöhnen. Wir reden morgen früh aus­führlich darüber. Ich habe dankenswerterweise die Mög­lichkeit, morgen früh zwei, drei Sätze dazu zu sagen; da­her kann ich es jetzt kurz machen. Gefordert wird ein genereller Mindestlohn von 7,50 Euro.
 
(Zuruf von der LINKEN)
 
– Klar, Sie fordern 10 Euro. In einem halben Jahr sind Sie bei 12 oder 13 Euro.
 
(Dr. Matthias Zimmer [CDU/CSU]: Bei 15! – Marco Bülow [SPD]: Wo sind Sie denn? Bei 2 Euro?)
 
Dann hecheln Sie wieder hinterher. Dazwischen liegt der Gewerkschaftsbund mit seiner Forderung. Es ist doch ein Witz. Wir verdummen doch die Leute, wenn wir sa­gen, mit einem Mindestlohn von 7,50 Euro könne man eine Familie mit zwei kleinen Kindern ernähren.
 
(Karin Binder [DIE LINKE]: Genau!)
 
– Das kann man auch mit einem Mindestlohn von 10 Euro nicht. Sie brauchen sich nicht zu echauffieren. Die jetzigen Sozialleistungen einer Familie mit zwei Kindern sind mittlerweile bei einer Größenordnung, dass der Mindestlohn für eine solche Familie bei 11,80 Euro liegen müsste.
 
(Karin Binder [DIE LINKE]: Ja dann! Gute Erkenntnis! Lassen Sie uns doch mal anfan­gen!)
 
– Dann verlangen Sie doch einen Mindestlohn von 12 Euro. Dann haben wir Sie noch mehr demaskiert.
 
Meine Damen und Herren, wir können keine Min­destlöhne nach dem Familienstand einführen. Das ist über unser Sozialsystem geregelt; dazu werden wir mor­gen einiges ausführen. Deshalb sind alle drei Unter­punkte in Ihrem Antrag, zumindest jetzt, leider vollum­fänglich abzuweisen. Es gebietet sich eigentlich, dass man dazu nicht noch mehr ausführt. Über den Mindest­lohn wird morgen früh diskutiert.
 
Frau Pothmer, lassen Sie uns über das Progressivmo­dell ohne Scheuklappen und über die Parteigrenzen hin­weg nachdenken und sehen, ob es eine Lösung ist und was diese kostet. Dann können wir versuchen, Teile der FDP, die vielleicht Sympathie dafür haben, zu beatmen.
 
Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit.
 
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)