Freitag, 2. Juli 2010
Herr Präsident!
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!
Wir ziehen aus der Krise der Finanz- und Währungsmärkte klare Konsequenzen:
Erstens reduzieren wir die zu hohen öffentlichen Defizite. Die Bundeskanzlerin hat am vergangenen Wochenende auf dem G-20-Gipfel in Toronto ein Bekenntnis der Industriestaaten zum Schuldenabbau durchgesetzt. Das war eine Bestätigung unserer Konsolidierungspolitik.
Darauf können wir stolz sein. Das ist der richtige Weg. Je rascher die öffentlichen Haushalte in Ordnung gebracht werden, desto stärker verbessern wir die weltweite Zukunftsperspektive für Wachstum und Beschäftigung.
(Beifall bei der CDU/CSU und Zustimmung bei der FDP)
Zweitens beschließen wir für die Finanzmärkte Schritt für Schritt strengere, konsequentere Regelungen, um eine neue Finanzmarktordnung zu schaffen. Heute setzen wir hierfür einen wichtigen neuen Baustein. Das ist ein wesentlicher Punkt. Sie von Rot-Grün haben zwar oft und viel über die Notwendigkeit geredet, aber – das ist doch die Wahrheit – Sie haben niemals Richtfest gefeiert.
(Beifall bei der CDU/CSU und Zustimmung bei der FDP)
Heute wird in einem wichtigen Punkt Richtfest gefeiert.
Wir hatten doch drei große Probleme, die zur Finanzmarktkrise geführt haben. Das erste Problem: Wir hatten eine Verknüpfung von einem Geschäftsbankensystem, das eigentlich zur Kreditversorgung der Realwirtschaft da ist, mit einem spekulativen Schattenbankensystem, mit Zweckgesellschaften usw. Das zweite große Problem war, dass wir eine mangelnde Transparenz auf den Finanzmärkten hatten. Das dritte Problem war, dass wir exzessive Spekulationen in Verbindung mit sehr fragwürdigen Finanzprodukten hatten. Es gilt, Schritt für Schritt diese Probleme zu lösen. Diese Probleme gehen wir Schritt für Schritt an, und heute wird ein wesentlicher Schritt nach vorn getan.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
Das heute zu beschließende Gesetz zur Vorbeugung gegen missbräuchliche Wertpapier- und Derivategeschäfte reiht sich ein in erfolgreiche Initiativen zur Regulierung und zur Bekämpfung von Krisen und Missbrauch des Finanzmarkts. Es dürfen im Wesentlichen nur noch gedeckte Geschäfte stattfinden. Da darf ich gleich mit einer Mär aufräumen. Es gab keinen nationalen Alleingang.
(Beifall des Abg. Leo Dautzenberg [CDU/ CSU])
Selbstverständlich haben wir als größte Wirtschaftsnation in Europa auch eine Vorreiterrolle, aber Tatsache ist, dass die Bundeskanzlerin und der französische Staatspräsident Sarkozy gemeinsam beschlossen haben, diese Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Es entspricht nicht der Wahrheit, dass dies ein Alleingang ist,
(Manfred Zöllmer [SPD]: Das ist doch völliger Blödsinn!)
sondern dies ist in der deutsch-französischen Achse abgestimmt und beschlossen worden.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir täuschen also keine Regulierung vor, auch wenn es hier vonseiten der SPD immer wieder die Vorhaltung gibt, dass eine Täuschung stattfindet. Wenn es nur ein Symbol wäre, dann könnten Sie eigentlich leicht zustimmen. Dann dürften Sie kein Problem haben. Wenn Sie aber nicht zustimmen, dann zeigt das, dass Sie eigentlich nichts verändern wollen. Wir sind auf der richtigen Seite, weil wir etwas verändern.
(Beifall des Abg. Leo Dautzenberg [CDU/ CSU])
Es gibt keinen Geburtsfehler, der in einem Alleingang bestehen würde. Wenn man von den eigenen Argumenten überzeugt ist, dann kann man auch andere in Europa überzeugen. Das tun wir.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:
Herr Kollege, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Kollegen Zöllmer?
Dr. h. c. Hans Michelbach (CDU/CSU):
Selbstverständlich, Herr Präsident.
Manfred Zöllmer (SPD):
Herr Kollege Michelbach, Sie haben eben gesagt, es handele sich hier nicht um einen deutschen Alleingang, sondern um ein abgestimmtes Vorgehen zwischen Deutschland und Frankreich. Ich habe hier Auszüge aus der Presse, der Tagesschau und der Frankfurter Rundschau, mit den Überschriften „Deutscher Alleingang ärgert EU und Investoren“, „Frankreich folgt dem deutschen Vorbild nicht“ und „Deutscher Alleingang irritiert Frankreich“. Ein wörtliches Zitat darf ich vorlesen:
„Ich finde, dass jemand bei einer solchen Maßnahme zumindest den Rat der anderen Mitgliedstaaten einholen sollte“, sagte die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde am Mittwoch. „Folglich erwägen wir dies nicht … Wir haben nicht vor, dem Schritt zu folgen“, sagte Lagarde.“
(Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Er hat über Sarkozy geredet!)
Halten Sie das für ein abgestimmtes Vorgehen zwischen Deutschland und Frankreich?
(Beifall bei der SPD – Leo Dautzenberg [CDU/CSU]: Das widerspricht doch nicht dem, dass Sarkozy das gefordert hat! Das widerspricht dem doch nicht!)
Dr. h. c. Hans Michelbach (CDU/CSU):
Herr Kollege Zöllmer, ich kann die Presseberichte natürlich bestätigen. Das waren Presseberichte vom Mittwoch. Aber am Donnerstag
(Lachen bei der SPD)
haben Frau Merkel und Herr Sarkozy das beschlossen, und darauf kommt es an, Herr Zöllmer. Der Beschluss ist gefasst worden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Iris Gleicke [SPD]: Heute ist Freitag! Was ist denn heute?)
Sie wissen doch, dass wesentlich ist, was am Ende he-rauskommt.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, ich darf Sie daran erinnern, dass wir einen ganzen Maßnahmenkatalog haben. Wir haben die EU-Verordnung zur Regulierung und Aufsicht von Ratingagenturen umgesetzt. Wir haben angemessene und transparente Vergütungssysteme im Finanzsektor beschlossen. Wir erarbeiten mit Basel III neue Regulierungen. Wir haben in der nächsten Woche den Gesetzentwurf zur Umsetzung der geänderten Bankenrichtlinie und der geänderten Kapitaladäquanzrichtlinie zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems gegenüber Marktverwerfungen auf der Tagesordnung. Die Verbesserung von Finanzprodukten, zum Beispiel bei den offenen Immobilienfonds, steht unmittelbar bevor. Ein Referentenentwurf zur Bankenabgabe für einen privatwirtschaftlichen Restrukturierungsfonds liegt vor. Wir gehen ein Restrukturierungsgesetz mit einer Insolvenzordnung für den Finanzsektor an. Alles das sind Maßnahmen, die in die richtige Richtung gehen. Wir ziehen Lehren aus der Finanzkrise.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Heute erreichen wir eine wichtige Etappe. Das vorliegende Gesetz ist erstens eine klare Botschaft an alle Finanzmarktteilnehmer, nämlich dass wir Ernst machen und maßlose Spekulationsfreiflüge und zweifelhafte Geschäftsaktivitäten ganz konsequent beenden.
Zweitens ist damit eine klare Botschaft an Europa verbunden, nämlich dass wir in Deutschland gewillt sind, die Vorreiterrolle auch weiterhin zu übernehmen, und darauf setzen, dass europaweit nachgezogen wird. Ich glaube, das ist der richtige Weg.
Es ist drittens eine weitere klare Botschaft, nämlich wie wir uns die neue Finanzmarktordnung in der Zukunft vorstellen. Das geht nicht mit Kahlschlägen, sondern nur mit ökonomischer Vernunft und Praxisnähe; denn der Finanzmarkt – das darf nie vergessen werden – hat eine dienende Funktion für die Realwirtschaft in unserer Marktwirtschaft. Deswegen sind gute fachliche Praxis und ökonomische Vernunft die wesentlichen Voraussetzungen. Das ist der richtige Weg für die Zukunft.
Wesentlich ist, dass wir in der Gesetzesarbeit auch die Sorgen der Exportwirtschaft aufgenommen haben, die in der Anhörung zum Ausdruck gekommen sind. Ich verstehe die Einlassungen des BDI wirklich nicht, weil wir genau die Dinge korrigiert haben, die als problematisch herausgearbeitet worden sind. Dass wir keine Freiflüge einer Behörde genehmigen, ist doch schon vom Selbstverständnis des Parlaments her klar. Wir haben deutlich gemacht: Wir wollen dann ein Gesetz machen, wenn es zu langfristigen Veränderungen kommt.
Die reale Geschäftstätigkeit ist nicht gefährdet. Die Auslastung der deutschen Standorte ist gegeben. Der Export, insbesondere im Bereich des Automobilbaus, ist ein wesentlicher Faktor. Natürlich müssen Währungsrisiken abgedeckt werden können und muss auch bei schwankenden Kursen eine stabile und berechenbare Ertragslage zu gewährleisten sein. Das erreichen wir, indem wir die notwendige finanzielle Unterlegung für die reale Geschäftstätigkeit sicherstellen.
Eine internationale, jedenfalls europäische Regelung in dieser Frage wird sicher folgen. Daran werden wir weiter arbeiten. Ich bin ganz sicher, dass wir die Chancen, die mit einer neuen Finanzmarktordnung verbunden sind, ganz konsequent wahrnehmen werden und so Wohlfahrt für die Menschen in unserem Land erreichen. Das ist wesentlich. Dazu gehört ein Finanzmarkt, der in Ordnung ist. Dazu bedarf es einer Finanzmarktneuordnung. Das Ziel werden wir ganz konsequent Schritt für Schritt weiter umsetzen. Ich bin sehr dankbar, dass dies in der Koalition sehr effizient und geschlossen angegangen wird.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)