Reden

Marlene Mortler
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Donnerstag, 26. Januar 2012
Landwirtschaft / Verbraucher

Mit mehr Regionalität die ländlichen Räume zukunftsfähig machen

Rede zu regionalen Strukturen

22.*) Beratung Antrag BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Regionale Produktions-, Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen stärken

- Drs 17/7249 -

Regionale Produktions-, Verarbeitungs- und Ver­marktungsstrukturen im Agrar- und Ernährungssektor sind wichtig und richtig für die wirtschaftliche Entwick­lung des ländlichen Raums. Die Stärkung des ländlichen Raums ist ein zentrales Anliegen christsozialer Politik. Das haben wir in Bayern erfolgreich über viele Jahr­zehnte unter Beweis gestellt. Die Grünen mit ihrer land­wirtschaftsfeindlichen Politik tragen zum Aufschwung des ländlichen Raums nichts bei.

Diskutieren wir über ländliche Räume als Heimat mit Zukunft: Auf dem Land sind Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung besonders gefragt. Die Menschen sind dazu bereit. Ländliche Räume dürfen aber nicht nur schöne Lebensräume sein, nicht nur bloße Schlafstätten. Nein, die Menschen auf dem Land müssen konkrete wirt­schaftliche Perspektiven haben. Viele junge Menschen fragen sich, was ihnen die hohe Lebensqualität im länd­lichen Raum nützt, wenn es keine Ausbildungs- und Ar­beitsplätze gibt. Ich sage darauf: Nur mit einem hohen Maß an regionaler Wertschöpfung sind wir in der Lage, das Leben im ländlichen Raum attraktiv zu gestalten – wie bei uns in Bayern.

In Bayern spiegelt sich die Schönheit und Vielfalt der Lebensräume in einer Vielzahl regionaler Spezialitäten und Vermarktungsinitiativen wider, die die Wertschöp­fung innerhalb einer Region vergrößern und damit die wirtschaftliche Entwicklung stärken. Beispiele sind das von der Natur begünstigte Weinland Unterfranken, Mit­tel- und Oberfranken mit ihren berühmten Bratwürsten und Bieren, oder der Alpenraum mit typischen Produk­ten wie Käse, Milch und Rindfleisch.

Regionale Initiativen und Projekte haben sich zum Ziel gesetzt, die Wertschätzung des Verbrauchers für re­gionale Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Regionale Wertschöpfung heißt für mich: Die Wachs­tumspotenziale der heimischen Region entdecken. Die regionalen Ressourcen nachhaltig nutzen. Die eigene Region als Marke verkaufen. Auf regionale Produkte und Leistungen setzen. Landwirtschaftliche und nicht landwirtschaftliche Beschäftigung im ländlichen Raum stärken.

Wertschöpfung hat auch immer etwas mit Besinnung auf die eigenen Stärken zu tun. Die Stärken können da­bei sowohl im eigenen Betrieb als auch in der Heimatre­gion liegen. Es gilt, so viel Wertschöpfung wie möglich in der Region zu halten. Hier spielen natürlich die Marktentwicklung und Nachfragetrends eine entschei­dende Rolle. Ebenso wichtig sind die Fähigkeiten der Erzeuger, sich auf diese Entwicklungen einzustellen.

Artgerechte Tierhaltung und Direktvermarktung der eigenen Produkte sind heute spürbare Wettbewerbsvor­teile. Zusammen können Landwirte ihre Marktmacht bündeln und so den Absatz ihrer Qualitätsprodukte för­dern. Besonders für kleine Betriebe sind innovative Netzwerke wichtig.

Auch die Verbraucher entdecken verstärkt den Wert regionaler Erzeugnisse. Sie sind bereit, für regionale Qualitätsprodukte einen höheren Preis zu zahlen. Zwei Drittel der Verbraucher achten heute schon auf die re­gionale Herkunft ihrer Lebensmittel; das hat eine Um­frage im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministe­riums ergeben.

Wichtig ist dabei: Wo regional draufsteht, muss auch regional drin sein. Hier muss die Politik klare Spielre­geln vorgeben. Aus Brüssel kommen positive Signale. Die Regelungen zum Geoschutz und zu traditionellen Spezialitäten werden in einem einzigen Rechtsakt ge­bündelt. Das heißt: Klare Erkennbarkeit für den Ver­braucher. Das heißt: Klarheit für Produzenten und Ver­markter. Und das ist ein großer Fortschritt. Denn gerade der Geoschutz ist als Instrument für die Vermarktung re­gionaler Produkte sehr interessant.

Auch in Deutschland können wir für die Vermarktung regionaler Produkte neue Impulse setzen. In diesem Zu­sammenhang fallen oft Begriffe wie „Regionalmarke“ oder „Regionalsiegel“. Wie diese auszugestalten sind, wird kontrovers diskutiert.

Zum einen kann ein Regionalsiegel als Dachsiegel für bereits bestehende oder geplante Siegel entwickelt wer­den. Neben allen Vorzügen eines solchen Siegels besteht jedoch immer die Gefahr, dass bestehende Regionalsie­gel ihre Bezugskraft verlieren können. Denn Regionali­tät ist stark mit Emotionen verbunden, und weniger ra­tional überprüfbar. Das Regionsverständnis ist auch abhängig von der Region: So identifiziert sich ein Bayer zum Beispiel sehr mit Bayern, ein Nordrhein-Westfale aber eher mit dem Rheinland, mit Westfalen oder aber mit seiner Stadt, zum Beispiel mit Köln oder Düsseldorf.

Zum anderen könnte versucht werden, ein Konformi­tätszeichen für Regionalität zu entwickeln. Das heißt, ein Instrument zu entwickeln, um bestehende oder ge­plante Regionalitätsprojekte zu zertifizieren, ähnlich ei­ner ISO-Norm.

Zusätzlich muss geklärt werden, wo welche Verarbei­tungsschritte stattfinden. Die Leute wollen nicht wissen, wo ein Stück Fleisch verpackt wurde, sondern wo das Tier aufgewachsen ist. Und vielleicht auch, wie es gefüt­tert wurde.

Ein solches Regionalsiegel kann einen wesentlichen Beitrag zu regionaler Wertschöpfung leisten.

Ich sage aber auch ganz deutlich: Neben regionalen Vermarktungsstrukturen sind nationale und internatio­nale Produktions- und Vermarktungsstrukturen uner­lässlich für eine ressourcenschonende, nachhaltige und produktive Landwirtschaft. Wir brauchen sie mit Blick auf die wachsende Weltbevölkerung. Die Welternäh­rungsorganisation FAO in Rom hat den Begriff „Nach­haltige Intensivierung“ geprägt und versteht hierunter Wege der landwirtschaftlichen Produktion, Verarbeitung und Vermarktung, die den Herausforderungen des neuen Jahrhunderts gerecht werden. Die Welternährungsorga­nisation sieht beide Wege, Globalisierung und Regiona­lisierung, als notwendig an, die bestehenden Probleme im Zusammenhang mit Ernährungsfragen auf unserem Globus zu lösen.

Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusam­menarbeit und Entwicklung, OECD, in Paris betont die Notwendigkeit, Globalisierung und Regionalisierung nicht gegeneinander auszuspielen. In ihrem Ausblick für die Jahre 2011 bis 2020 sieht die OECD die Produk­tionskosten der Landwirtschaft steigen und das Produk­tivitätswachstum sich verlangsamen. Dies ist fatal für die Welternährungssituation vor dem Hintergrund einer wachsenden Menschheit und eines steigenden Energie­bedarfs.

Die Herausforderungen für die Politik sieht die OECD in folgenden Punkten: in der Unterstützung von Produktivitätswachstum, in der Verringerung von Ver­schwendung, in der Unterstützung lokaler Märkte und zuletzt in der Öffnung der Märkte für Agrargüter, also in der weiteren Liberalisierung des internationalen Agrar­handelssystems.

Ich komme nun zum Schluss meiner Ausführungen. Mein Fazit: Es lohnt sich, sich neben klassischen Pro­duktions-, Verarbeitungs- und Vermarktungswegen über Regionalität und regionale Herkunftszeichen Gedanken zu machen. Regionale Initiativen und Projekte arbeiten erfolgreich daran, die Wertschätzung des Verbrauchers für regionale Produkte und Dienstleistungen zu erhöhen. Die europäischen Regelungen zum Geoschutz und zu traditionellen Spezialitäten wirken regional identitäts­stiftend. Die Einrichtung eines Regionalsiegels ist gene­rell wünschenswert, da damit eine erhöhte Wertschöp­fung für die Landwirtschaft wie auch für eine ganze Region generiert werden kann.

Ich bin überzeugt: Mit mehr Regionalität können wir die ländlichen Räume zukunftsfähig machen, wenn wir die Leistungsbereitschaft der dort lebenden Menschen und das Wertschöpfungspotenzial vor Ort sinnvoll mit­einander verbinden.