Donnerstag, 26. Januar 2012
Regionale Produktions-, Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen im Agrar- und Ernährungssektor sind wichtig und richtig für die wirtschaftliche Entwicklung des ländlichen Raums. Die Stärkung des ländlichen Raums ist ein zentrales Anliegen christsozialer Politik. Das haben wir in Bayern erfolgreich über viele Jahrzehnte unter Beweis gestellt. Die Grünen mit ihrer landwirtschaftsfeindlichen Politik tragen zum Aufschwung des ländlichen Raums nichts bei.
Diskutieren wir über ländliche Räume als Heimat mit Zukunft: Auf dem Land sind Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung besonders gefragt. Die Menschen sind dazu bereit. Ländliche Räume dürfen aber nicht nur schöne Lebensräume sein, nicht nur bloße Schlafstätten. Nein, die Menschen auf dem Land müssen konkrete wirtschaftliche Perspektiven haben. Viele junge Menschen fragen sich, was ihnen die hohe Lebensqualität im ländlichen Raum nützt, wenn es keine Ausbildungs- und Arbeitsplätze gibt. Ich sage darauf: Nur mit einem hohen Maß an regionaler Wertschöpfung sind wir in der Lage, das Leben im ländlichen Raum attraktiv zu gestalten – wie bei uns in Bayern.
In Bayern spiegelt sich die Schönheit und Vielfalt der Lebensräume in einer Vielzahl regionaler Spezialitäten und Vermarktungsinitiativen wider, die die Wertschöpfung innerhalb einer Region vergrößern und damit die wirtschaftliche Entwicklung stärken. Beispiele sind das von der Natur begünstigte Weinland Unterfranken, Mittel- und Oberfranken mit ihren berühmten Bratwürsten und Bieren, oder der Alpenraum mit typischen Produkten wie Käse, Milch und Rindfleisch.
Regionale Initiativen und Projekte haben sich zum Ziel gesetzt, die Wertschätzung des Verbrauchers für regionale Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Regionale Wertschöpfung heißt für mich: Die Wachstumspotenziale der heimischen Region entdecken. Die regionalen Ressourcen nachhaltig nutzen. Die eigene Region als Marke verkaufen. Auf regionale Produkte und Leistungen setzen. Landwirtschaftliche und nicht landwirtschaftliche Beschäftigung im ländlichen Raum stärken.
Wertschöpfung hat auch immer etwas mit Besinnung auf die eigenen Stärken zu tun. Die Stärken können dabei sowohl im eigenen Betrieb als auch in der Heimatregion liegen. Es gilt, so viel Wertschöpfung wie möglich in der Region zu halten. Hier spielen natürlich die Marktentwicklung und Nachfragetrends eine entscheidende Rolle. Ebenso wichtig sind die Fähigkeiten der Erzeuger, sich auf diese Entwicklungen einzustellen.
Artgerechte Tierhaltung und Direktvermarktung der eigenen Produkte sind heute spürbare Wettbewerbsvorteile. Zusammen können Landwirte ihre Marktmacht bündeln und so den Absatz ihrer Qualitätsprodukte fördern. Besonders für kleine Betriebe sind innovative Netzwerke wichtig.
Auch die Verbraucher entdecken verstärkt den Wert regionaler Erzeugnisse. Sie sind bereit, für regionale Qualitätsprodukte einen höheren Preis zu zahlen. Zwei Drittel der Verbraucher achten heute schon auf die regionale Herkunft ihrer Lebensmittel; das hat eine Umfrage im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums ergeben.
Wichtig ist dabei: Wo regional draufsteht, muss auch regional drin sein. Hier muss die Politik klare Spielregeln vorgeben. Aus Brüssel kommen positive Signale. Die Regelungen zum Geoschutz und zu traditionellen Spezialitäten werden in einem einzigen Rechtsakt gebündelt. Das heißt: Klare Erkennbarkeit für den Verbraucher. Das heißt: Klarheit für Produzenten und Vermarkter. Und das ist ein großer Fortschritt. Denn gerade der Geoschutz ist als Instrument für die Vermarktung regionaler Produkte sehr interessant.
Auch in Deutschland können wir für die Vermarktung regionaler Produkte neue Impulse setzen. In diesem Zusammenhang fallen oft Begriffe wie „Regionalmarke“ oder „Regionalsiegel“. Wie diese auszugestalten sind, wird kontrovers diskutiert.
Zum einen kann ein Regionalsiegel als Dachsiegel für bereits bestehende oder geplante Siegel entwickelt werden. Neben allen Vorzügen eines solchen Siegels besteht jedoch immer die Gefahr, dass bestehende Regionalsiegel ihre Bezugskraft verlieren können. Denn Regionalität ist stark mit Emotionen verbunden, und weniger rational überprüfbar. Das Regionsverständnis ist auch abhängig von der Region: So identifiziert sich ein Bayer zum Beispiel sehr mit Bayern, ein Nordrhein-Westfale aber eher mit dem Rheinland, mit Westfalen oder aber mit seiner Stadt, zum Beispiel mit Köln oder Düsseldorf.
Zum anderen könnte versucht werden, ein Konformitätszeichen für Regionalität zu entwickeln. Das heißt, ein Instrument zu entwickeln, um bestehende oder geplante Regionalitätsprojekte zu zertifizieren, ähnlich einer ISO-Norm.
Zusätzlich muss geklärt werden, wo welche Verarbeitungsschritte stattfinden. Die Leute wollen nicht wissen, wo ein Stück Fleisch verpackt wurde, sondern wo das Tier aufgewachsen ist. Und vielleicht auch, wie es gefüttert wurde.
Ein solches Regionalsiegel kann einen wesentlichen Beitrag zu regionaler Wertschöpfung leisten.
Ich sage aber auch ganz deutlich: Neben regionalen Vermarktungsstrukturen sind nationale und internationale Produktions- und Vermarktungsstrukturen unerlässlich für eine ressourcenschonende, nachhaltige und produktive Landwirtschaft. Wir brauchen sie mit Blick auf die wachsende Weltbevölkerung. Die Welternährungsorganisation FAO in Rom hat den Begriff „Nachhaltige Intensivierung“ geprägt und versteht hierunter Wege der landwirtschaftlichen Produktion, Verarbeitung und Vermarktung, die den Herausforderungen des neuen Jahrhunderts gerecht werden. Die Welternährungsorganisation sieht beide Wege, Globalisierung und Regionalisierung, als notwendig an, die bestehenden Probleme im Zusammenhang mit Ernährungsfragen auf unserem Globus zu lösen.
Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD, in Paris betont die Notwendigkeit, Globalisierung und Regionalisierung nicht gegeneinander auszuspielen. In ihrem Ausblick für die Jahre 2011 bis 2020 sieht die OECD die Produktionskosten der Landwirtschaft steigen und das Produktivitätswachstum sich verlangsamen. Dies ist fatal für die Welternährungssituation vor dem Hintergrund einer wachsenden Menschheit und eines steigenden Energiebedarfs.
Die Herausforderungen für die Politik sieht die OECD in folgenden Punkten: in der Unterstützung von Produktivitätswachstum, in der Verringerung von Verschwendung, in der Unterstützung lokaler Märkte und zuletzt in der Öffnung der Märkte für Agrargüter, also in der weiteren Liberalisierung des internationalen Agrarhandelssystems.
Ich komme nun zum Schluss meiner Ausführungen. Mein Fazit: Es lohnt sich, sich neben klassischen Produktions-, Verarbeitungs- und Vermarktungswegen über Regionalität und regionale Herkunftszeichen Gedanken zu machen. Regionale Initiativen und Projekte arbeiten erfolgreich daran, die Wertschätzung des Verbrauchers für regionale Produkte und Dienstleistungen zu erhöhen. Die europäischen Regelungen zum Geoschutz und zu traditionellen Spezialitäten wirken regional identitätsstiftend. Die Einrichtung eines Regionalsiegels ist generell wünschenswert, da damit eine erhöhte Wertschöpfung für die Landwirtschaft wie auch für eine ganze Region generiert werden kann.
Ich bin überzeugt: Mit mehr Regionalität können wir die ländlichen Räume zukunftsfähig machen, wenn wir die Leistungsbereitschaft der dort lebenden Menschen und das Wertschöpfungspotenzial vor Ort sinnvoll miteinander verbinden.